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Aus der aktuellen Ausgabe

Das lässt tief blicken

Barbara beim Foto-Shooting:

Mit Haut und Haar dabei

Foto: Esther Michel


Laienmodels tauschen bei «Blick» nackte Tatsachen gegen einen Prinzessinentag. Ein Augenschein im Fotostudio

Von Claudia Schmid

Dieser Dienstagmorgen Ende Januar ist für Moira, 32, ein besonderer. Die Wirtin steht im Restaurant Schlüssel in Oberiberg SZ am Tresen, die Büezer blättern den «Blick» durch, ihre Augen bleiben einen Moment am blanken Busen des Seite-1-Girls hängen. Moira hält den Atem an. Sie ist das Girl, doch niemand hat sie erkannt. «Das war schon aufregend», erzählt sie. Erst nach ein paar Minuten realisiert einer der Gäste, dass ihm die Frau auf der ersten Seite bekannt vorkommt. Danach: Ein grosses «Aber Hallo», Gratulationen. Und mehr Gäste für den Schlüssel.

Seit Oktober letzten Jahres, seit der «Blick» das tägliche Pin-up-Girl wieder eingeführt hat, um den Boulevardkurs neu aufleben zu lassen, erlebt jede Frau, die beim Shooting mitgemacht hat, etwas Ähnliches wie Moira. Nach eingekauften Frauen, die der «Blick» Ende der Siebzigerjahre lancierte und die «Augenblick» oder «Blickfang» hiessen, setzt die Zeitung nach einer längeren Pause auf die Frau von nebenan.

Zwar gab es in den letzten Jahren Versuche, «Blick»-Lesende (auch Männer) mit einem «erotischen Shooting» vor die Kamera zu locken. Doch erst jetzt, seit sich ein festes Profi-Team um die Sekretärinnen, Optikerinnen, Hausfrauen und ETH-Doktorandinnen kümmert, funktioniert die Rubrik: Auf dem Tisch der Projektverantwortlichen Ana Maria Haldimann stapeln sich Dutzende Bewerbungen von Frauen zwischen 18 und 30; über 1000 sind bisher eingetroffen. Pro Woche stehen sechs Girls im Fotostudio. Heute ist die «glückliche Mutter» Barbara, 26, aus Hausen am Albis ins Zürcher Seefeldquartier gereist.

Die Sternchen posieren zwischen Wein- und Reisetipps

Sie und ihre Kolleginnen stehen dafür Schlange, weil dieses Shooting eher einem lustigen Berufsschnuppertag als einem schlüpfrigen Erotikshooting ähnelt. Während bei den meisten europäischen Seite-3-Girls ein Oben-ohne-Bild das Minimum ist, ist, müssen die Schweizer Girls nicht alles zeigen, wenn sie nicht wollen. Kein Wunder, findet man die «Stars» auf der «Blick»-Website nicht unter «Erotik», sondern unter «Life» - zwischen Wein- und Reisetipps.

Innert weniger Wochen sind die «Blick»-Girls zum Tischgespräch geworden, und das längst nicht nur an den Stammtischen - dank einem simplen Trick: Da die «Stars» aus Niedergösgen SO, Kölliken AG oder Zürich auf der Titelseite posieren, sieht sie jeder. Selbst die, die den «Blick» niemals kaufen, geschweige denn berühren würden.

Weil die Frauen, die laut ihren Steckbriefen sehr oft von Australien und seltener von einer Badewanne voller FCB-Spieler träumen, auch auf der «Blick»-Website präsent sind, hat sie auch die internetaffine Generation entdeckt. Die «Heute bin ich ein Star»-Rubrik gehört zu den stärksten Seiten auf blick.ch. Barbara weiss, dass sie in ein paar Tagen angeklickt wird, aber jetzt freut sie sich erst einmal auf das «VIP-Programm».

So heissen die drei Stunden Abenteuer im Studio, die die meisten Girls nach Zürich locken. Die Projekverantwortliche Haldimann erzählt, dass diese Zeit, in denen sie mit Schminke und Styling verwandelt werden, eine Art «Gratis-Wellness-Auszeit für die Frauen» sei. Barbara ist denn auch «gwunderig, was man bei mir mit Schminke so rausholen kann». Make-Up- und Hairartistin Christa Durante, eine Frau mit schwerem Berndeutsch und einem Hang zu Accessoires mit Leopardenmuster, zaubert für sie «Smokey Eyes» hervor und zwirbelt ihre blonden Strähnen zu zarten Locken, die sich auf nackter Haut besonders gut machen.

«Den Körper zu zeigen heisst, dass man selbstbewusst ist»

Barbara steckt mittlerweile in einem rosa Bandemantel und sieht aus wie die Besucherin einer Schönheitsfarm. In den dicken Ordnern hat sie mit der Stylistin ihre Lieblingsbilder ausgesucht - ein ähnliches Prinzip wie beim Coiffeur. Doch statt Frisuren findet man in dieser Bildersammlung Fotos von nackten Heidi Klums und andere softerotische Bilder.

Erst jetzt tritt Geri Born in Erscheinung. Der Fotograf und Familienvater, ein ruhiger, konzentrierter Typ, positioniert Barbara hierhin und dorthin und drückt immer wieder ab, während Durante da eine Brust und dort ein Bein richtet. Born liebt klassische Musik, deshalb läuft zum Leidwesen der Bernerin im Studio fast immer Klassisches. Durante steht dafür auf «gute Karma»-Raumsprays aus dem nahen Duftladen Farfalla, die sie manchmal durch die Gegend sprüht.

Ohne jegliches Gekicher steht Barbara in Unterwäsche und später oben ohne im Studio. Da hat ihre Generation schon zu viele «Germany's Next Topmodel»-Folgen gesehen, als dass sie jetzt nicht wüsste, was zu tun ist. Durante erzählt etwas von einem Guiseppe, der frisch verliebt ist; als sich herausstellt, dass dies ihr Hund ist, lachen alle.

Das Ziel des Foto-Shootings, nämlich dass die Damen schliesslich als Pin-up in der Zeitung stehen werden, ist nie ein Thema. Diese Generation von Frauen, die Piercings und Tattoos trägt, ist stolz auf ihren Kapital-Körper und hat solche Freude daran, diesen bei einem professionellen Shooting zu verewigen, dass sie keine Angst vor eventuellen Konsequenzen hat. Sich oben ohne ablichten zu lassen, stellt für sie kein Opfer dar - im Gegenteil.

Sabrina, 22, aus Meisterschwanden AG, die nach Barbara ins Studio kommt, runzelt die Stirn, als man sie fragt, warum sie das mache. «Warum nicht? Den Körper zu zeigen heisst doch, dass man selbstbewusst ist», sagt sie. Weil die «Blick»-Girls in einer Welt aufgewachsen sind, in der Britney Spears in jedem Videoclip nackter wurde, stellt für sie Nacktheit kein Tabu mehr dar. «Am "Blick"-Girl zeigt sich, dass eine bestimmte Porno-Ästhetik heute gesellschaftlich akzeptiert ist», sagt Dominique Grisard vom Zentrum Gender Studies der Uni Basel, das sich ebenfalls mit den Girls beschäftigt.

Diese Akzeptanz gilt offenbar auch für das Umfeld der Frauen. Denn laut Haldimann sind es auch Mütter, Omis, Arbeitgeber und Freunde, die ihre Schönheiten anmelden, und die sich danach nicht schämen, sondern stolz auf sie sind. Gedanken wie jene der Autorin Ariel Levi, die in ihrem Buch «Female Chauvinist Pigs» schreibt, dass Sexismus nicht tot ist, solange man «selbstbewusst» mit «hot sein» verwechselt, haben sie nicht. Auch nicht die These der Autorin Natasha Walter, dass Sexismus nicht tot ist, solange der perfekte Körper der einzige Weg zur Selbstverwirklichung sei.

Die Frauen geniessen diesen Shooting-Tag in vollen Zügen, wie Barbara, die am Mittag nach Hause fährt und sich am 1. März in der Zeitung entdeckt. Ein wenig erschrickt sie schon, als sie sich dann wirklich so sieht. Aber ihrem Mann gefällts, und das ist die Hauptsache.


Publiziert am 07.03.2010



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